Ein Reisebericht entlang der Lieferkette der Autoindustrie – von Lars Hirsekorn, VW-Betriebsrat und NaturFreund

Die Transformation zur Elektromobilität ist in aller Munde. In unseren Betrieben diskutieren wir über neue Technologien, Qualifizierung, Standort- und Beschäftigungssicherung. Doch selten sehen wir, unter welchen Bedingungen die Rohstoffe unserer Zukunft tatsächlich abgebaut werden. Oder wie unsere Kolleg*innen in der Zulieferindustrie außerhalb der EU arbeiten müssen.
Genau hier setzte eine Bildungsreise der NaturFreunde Niedersachsen an: Sie führte knapp dreißig Kolleg*innen und Vertreter*innen verschiedener Nichtregierungsorganisationen aus Deutschland und Österreich im Herbst 2025 nach Serbien, und dort nach Belgrad, Bor sowie ins Jadar-Tal. Mitten hinein also in jene Regionen, die heute die globale Autoindustrie versorgen – unter anderem Volkswagen, Mercedes und Stellantis.
Arbeiterinnen tragen die Last der Lieferkette
Schon der erste Austausch in Belgrad hinterließ tiefe Eindrücke. Organisiert durch die unabhängige Initiative Radnicki glas (übersetzt: Arbeiterstimme), trafen wir Arbeiter*innen aus vier Autozulieferbetrieben, fast nur Frauen. Einige sind Alleinerziehende, sie arbeiten für 500 bis 600 Euro im Monat knapp über dem serbischen Mindestlohn. Und das bei fast westeuropäischen Preisen für Lebensmittel. Die einen stecken in ihrer Fabrik Kabel für Scheinwerfer und Rücklichter, die anderen flechten Kabelbäume, die das Lenkrad verbinden.
Am härtesten müssen die Frauen ran, die Kunstleder verkleben: An ihrem Arbeitsplatz ist es durchgehend vierzig Grad heiß und sie atmen giftige Dämpfe ein. Ähnliche Arbeitsbedingungen gibt es zwar auch in Autofabriken in Deutschland, aber die Löhne sind deutlich besser. Um ihr Leben überhaupt finanzieren zu können, arbeiten viele der Frauen sechs Tage in der Woche.
Trotzdem: Diese Frauen waren selbstbewusst, solidarisch untereinander und klar in ihren Forderungen nach besserem Arbeitsschutz und höheren Löhnen.
In vielen Betrieben entstehen unabhängige Gewerkschaften, die sich von den regime- und staatshörigen Altgewerkschaften absetzen. Sie werden von Kolleg*innen getragen, die ihre Organisierung neben der Schichtarbeit stemmen. Freistellung ist für sie ein Fremdwort. Verhandlungsberechtigt sind sie laut serbischem Gewerkschaftsgesetz erst dann, wenn sie mehr als 15 Prozent der Belegschaft organisiert haben. Das erfordert enormen Einsatz.
Was uns Reiseteilnehmer*innen besonders beeindruckte: Viele Kolleg*innen unterstützen zudem als Privatpersonen die landesweite Demokratiebewegung – im Betrieb jedoch sind politische Themen wie die Unterstützung der Studierendenbewegung und der Opposition kein Thema.
Wachstum ohne Teilhabe
Einen Tag später gaben uns Wissenschaftler*innen des „Instituts für Vergleichendes Recht“ einen Überblick über die ökonomischen Rahmenbedingungen. Nach ihren Berechnungen liegt ein ausreichendes Einkommen in Serbien bei etwa 1.200 Euro monatlich. Das Durschnittseinkommen, das sich die letzten Jahre stark erhöht hat, beträgt aktuell 980 Euro – weit mehr als das der Kolleg*innen, die wir in Belgrad getroffen haben.
Gleichzeitig wirbt die serbische Regierung mit massiven Subventionen um ausländisches Kapital, ohne die Auszahlung an Bedingungen zu knüpfen. "Egal welches Angebot Sie erhalten, bei uns bekommen Sie zehn Prozent günstigere Konditionen," zitieren die Wissenschaftler das Motto der Regierung.
Bodenschätze würden, anders als damals in Jugoslawien, als Rohstoffe exportiert und kaum weiterverarbeitet. Das Ergebnis sei fatal: „Die Wertschöpfung ist gering, im besten Falle handelt es sich um Vorprodukte,“ so die Wissenschaftler*innen. Ausländische Investor*innen zögen die Gewinne ab und träfen die strategischen Entscheidungen. Es handelt sich also genau um jene Probleme, die wir aus vielen globalen Lieferketten kennen. In Serbien zeigen sie sich in Reinform.
Kupfer für die E-Mobilität: Eine Region am Limit
Weiter ging es nach Bor, einer ostserbische Bergbaustadt mit 35.000 Einwohner*innen. Dort wird seit mehr als hundert Jahren Kupfer abgebaut, heute ist Bor einer der wichtigsten Kupferstandorte Europas. 2018 übernahm die chinesische Zijin Mining Group den ehemals staatlichen Betrieb. Sie hat dort neue Minen erschlossen, den Abbau und den Bedarf an Arbeitskräften enorm gesteigert. Über 10.000 Arbeiter*innen aus China und Afrika wurden zusätzlich angeworben.
Auch in Bor trafen wir Gewerkschafter – nun ausschließlich Männer: Neben einem Vertreter der Initiative Radnicki glas sechs weitere Kollegen, jeweils Mitglieder verschiedener Gewerkschaften, die im Zijin Konzern aktiv sind. Auch sie berichteten von harten Arbeitsbedingungen.
Einer der Kollegen arbeitet unter Tage an den 32 dieselbetriebenen Zertrümmerungsmaschinen, die das kupferhaltige Gestein zerkleinern. Die körperlich schwere Arbeit wird begleitet von einer enormen Lärm- und Schmutzbelastung. „Der Staub dringt überall ein: in die Ohren, in die Nase, in die Augen“, so der Kollege. „Nach einer Schicht bist du völlig schwarz.“
Nach der Übernahme habe Zijin zwar neue Generatoren besorgt, die wesentlich sauberer sind. Durch die gleichzeitige Vervielfachung der Generatoren hebe sich diese Verbesserung aber wieder auf – die Schmutzbelastung sei ähnlich wie zuvor. Ein anderer Kollege, der am Schmelzofen arbeitet, konnte immerhin von einer Verbesserung der Luftqualität berichten. Auch diese Abteilung wurde von Zijin modernisiert.
Jede Gewerkschaft verhandelt für sich alleine
„Autoindustrie – die verdienen doch nix“, meint einer der Kollegen in Anspielung auf die Frauen, die wir in Belgrad getroffen hatten. Tatsächlich gilt die Autozulieferindustrie in den Augen der Bergarbeiter als Niedriglohnsektor – wie bei uns bis in die 1970er-Jahre. Denn die Kumpel verdienen deutlich mehr. Dennoch ist die Lohnhöhe auch bei ihnen Thema in den Tarifverhandlungen. Allerdings verhandelt jede Gewerkschaft für sich alleine. Das ist der Konzernführung ganz recht, kann sie so doch die Kolleg*innen gut gegeneinander ausspielen.
Für die Bergarbeiter gilt so manche Regelung, die noch im ehemaligen Jugoslawien vereinbart wurde. Sie haben eine vergleichsweise gute Krankenversorgung, mehr Urlaubswochen und werden früher pensioniert. Dem Konzern sind diese Regelungen ein Dorn im Auge. Und den einzelnen Gewerkschaften ist ziemlich klar, dass sie diese Sonderregelungen kaum werden verteidigen können. Bestenfalls wenn sie zusammenarbeiten würden – aber das zeichnet sich nicht ab.
Die meisten Gewerkschaften konzentrieren sich auf Verhandlungen über die Höhe des Lohns und die Regulierung der Arbeitszeit. Die alten „Privilegien“ betrachten sie dabei als Verhandlungsmasse. Die Gewerkschaften sind zersplittert und stehen unter massivem Druck. Optimismus war auf dem Podium kaum zu spüren.
Die Luft in Bor ist schmutzig, morgens liegt oft ein Schleier über der Stadt. Große elektronische Tafeln messen die Schadstoffwerte und sind gut sichtbar. Das hilft den Bewohner*innen wenig. Einige erinnern sich: Früher – zu Zeiten Jugoslawiens – seien die Straßen täglich von giftigem Staub gereinigt worden. Heute passiert selbst das nicht mehr.
Hinzu kommt: Die Ausweitung des Tagebaus zerstört ganze Dörfer. Zwölf Dörfer sind schon vom Erdboden verschwunden. Und derzeit geht es rasant weiter: Etwa alle zwei Stunden erfolgt eine Sprengung, Häuserwände reißen, die Staubbelastungen werden immer unerträglicher, das Wasser ist vergiftet. Immer mehr Menschen verlassen die Region.
Jadar-Tal: Widerstand gegen Lithium
Unsere nächste Station war das Jadar-Tal im Westen Serbiens – eine vor allem landwirtschaftlich geprägte Region, deren Bewohner*innen ein vergleichsweise gutes Auskommen haben. Dass hier die weltweit größten Vorkommen des „weißen Goldes“ Lithium entdeckt wurden, empfinden die meisten hier als Fluch. Anders als in den Hauptstädten der Europäischen Union und der Automobilindustrie: Dort gilt Lithium als zentraler Rohstoff für Batterien und die E-Mobilität. Die EU hat den Lithium-Abbau im Jadar-Tal deshalb zum strategischen Vorhaben erklärt.
Die Bevölkerung aber sagt klar "Nein": Zwei Drittel lehnen das Projekt ab und boykottieren alle Maßnahmen zur Erschließung der Vorkommen. Die Menschen wissen, was auf dem Spiel steht: fruchtbare Böden, sauberes Wasser, die Zukunft ihrer Kinder. Sie erwarten vom Lithiumabbau nichts als Zerstörung. Der Widerstand ist gut organisiert, tief in der Region verankert und hat sich mit den aktuellen Massenbewegungen gegen Korruption und Neuwahlen verbunden. Trotzdem – oder gerade deshalb – ist der Optimismus überraschend groß. Die Menschen glauben an ihre gemeinsame Kraft. Dieser Mut hat uns tief beeindruckt.
Gewerkschafter*innen sind gefragt
Diese Bildungsreise der NaturFreunde Niedersachsen hat allen Teilnehmer*innen vor Augen geführt: Die globale Transformation zur E-Mobilität ist eine soziale Frage – weit über unsere Standorte hinaus. Kupfer und Lithium sind Grundbausteine unserer elektrischen Zukunft. Doch ihr Abbau darf nicht auf Ausbeutung, Gesundheitsgefährdung und Umweltzerstörung basieren.
Wenn wir über Transformation sprechen, müssen wir auch über die Rechte der Menschen sprechen, die am Anfang dieser Ketten stehen. Klimaschutz und Umwelt- und Arbeitsrechte dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Wir wollen unsere serbischen Kolleg*innen zu einer Bildungsreise nach Deutschland und Österreich einladen und hoffen bei diesem organisatorisch und finanziell ambitionierten Projekt erneut auf die Unterstützung der Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt.
Damit auch unsere serbischen Kolleg*innen sehen, wo ihre Arbeit – und ihr Leid – in unseren Produktionsprozessen steckt. Damit wir lernen, wie internationale Solidarität wirklich aussehen kann. Denn hinter den Materialien der Automobil-Lieferketten stehen Menschen. Und wir tragen Verantwortung für sie.
Für die Reisegruppe berichtete Lars Hirsekorn,
VW-Betriebsrat und Mitglied der NaturFreunde Deutschlands
